Donnerstag, 14. Juli 2016

Der Riesling war ein Grauburgunder - Die originellsten Bewertungen von Weinrestaurants


In Deutschland sind die meisten Weinrestaurants in den einschlägigen Bewertungsportalen des Internets gut bis sehr gut bewertet. Kein Wunder, wer sich mit Wein und Kulinarik auskennt, hat auch ein Gespür für Service und Interieur. Doch manche Häuser verweigern sich beharrlich einer Vervollkommnung ihrer Gastlichkeit.

So gehen die Gastronomen nicht immer angemessen mit den kredenzten Rebensäften um, wie diese fein beobachteten Ausführungen illustrieren:
„Der Wein wurde uns mit geschlossenem Korken (!) auf den Tisch gestellt.“ (Lübeck)

„Die offene Küche wurde, während wir unseren Wein tranken, mit starken Putzmitteln gereinigt. Ein süffiger Wein mit Putzmittel in der Nase macht einer Weinwirtschaft aber wirklich keine Ehre.“ (Sachsen)

„Der Rotwein wurde vom Kellner so zügig ausgeschenkt, dass er einmal auf der Tischdecke landete und einmal auf dem Kleid meiner Frau, die nicht ausgetauscht wurde.“ (Franken)
Apropos Austauschen: Nicht selten kommt es zu echten Verwechslungen, was die Freude der Gäste nicht eben hebt:
„Ein in der Karte stehender Riesling stellte sich als Grüner Veltliner dar. Laut Servierkraft sei es die gleiche Rebsorte!!!“ (Lübeck)
Im Rheinischen offenbarte sich dank erfahrener Zungenfertigkeit:
„Der Riesling war ein Grauburgunder.“ (Bonn)
Immerhin etwas Positives konnten diese Rezensenten entdecken:
„Abschließend sei festgestellt, dass die von uns gewählten Weine für 30-40 EUR pro  Flasche lediglich Mittelmaß waren. Dafür hatten sie aber praktische Schraubverschlüsse.“ (Leipzig)

„Der Service wirkte erfrischend unprofessionell.“ (Rheingau)

„Es schmeckt nicht schlecht, da es eigentlich nach nichts schmeckt.“ (Hamburg)
Überhaupt, am kulinarischen Angebot sind mitunter noch an ein paar Stellschrauben zu drehen, wie diese Bewertungen nahelegen:
„Das gereichte Weißbrot zeigte knusprige Alterserscheinungen.“ (Lübeck)

„Die Trüffel waren völlig geschmacklos. Den Menschen am Nebentisch wurde empfohlen, die Trüffel länger im Mund zu behalten, damit sich der Geschmack entwickelt. Das habe ich noch nie gehört.“ (Hamburg)

„Der Texter der Karte verdient ein fürstliches Gehalt, denn mit dem Schund, was auf unseren Tellern landete, hatte sie nichts gemeinsam. Meine Ente hatte dann labbrige Haut und sollte wohl ein weiteres Mal getötet werden.“ (Sachsen)

„Die Muscheln waren betagt, dafür der Wein zu jung!“ (Hamburg)
In diesem Beispiel wurde nicht nur die Form der lieblosen Darbietung kritisiert, sondern gleich auch ein psychologisches Gutachten erstellt:
„Die Käsestangen wurden in einer Plastikschale serviert!!! Anwesend waren als Gäste nur noch ein Pärchen und außer der Kellnerin ein sichtlich antriebsgestörter Besitzer.“ (Bremen)
Die folgenden Würdigungen lassen keine weiteren Fragen aufkommen:
„Nach der Karte wusste ich: Der Koch ist faul.“ (Bonn)

„Wenn man die Weinkarte genauer ansieht, dann findet man die Weine auch beim Edeka wieder.“ (Sachsen)

“Bitte das Wort ‚Weinhaus‘ vom Namen entfernen!” (München)
„Im Wein war ein Glassplitter; als wir uns beschwerten, meinte die Geschäftsführerin, sie wolle uns nicht mehr sehen... uns ging es genauso.“ (Thüringen)
Im Unterschied dazu gestaltet sich die Interpretation dieses Gelästers besonders gegen Ende schwieriger:
„Mir wurde ein quasi untrinkbarer 200-Euro-Burgunder empfohlen, der nach Kuhfladen geschmeckt hat! Landjugend und Zigarettenbürscherl halt, die groß mitspielen wollen mit ihren kulinarischen Mofas!“ (Österreich)
Mitunter fließen auch Stellungnahmen zu architektonischen Gegebenheiten der Weinrestaurants in die Gesamtbewertung mit ein:
„Alleine schon die alte, enge Treppe in den Gastraum auf der 1. Etage ist ein Erlebnis - hoch, als auch runter. Betrunken erfordert sie ein wenig Konzentration.“ (Rheinland)

„Unser Tisch war direkt an der Eingangstür, wo ein schwerer Vorhang hing. Es entbehrte nicht eines gewissen Spaßeffektes, wenn durch den Türvorhang ein neuer Gast unmittelbar vor unserem Tisch auftauchte. Das war so wie in einem Kasperletheater.“ (Sachsen)
Wesentliche Elemente des Interieurs eines Weinhauses sind naturgemäß die Tische. Auch dazu gibt es engagierte Stellungnahmen:
„Die Tische im Außenbereich würden sich über eine Wurzelbürstenbehandlung freuen.“ (Hannover)

„Der Tisch klebte großflächig durch ein verschüttetes Bier-Wein-Cola Gemisch und hielt meine versehentlich abgelegte Hand beharrlich gefangen. Die Ränder der Gläserböden fügten sich konturenstark ins Marmordesign ein.“ (Lübeck)
Doch nicht immer gelingen den Bewertern derartig sprachlich elegante Preziosen, wie das letzte Beispiel zeigt. Da heißt es wortwörtlich:
„Wir hatten eine telefonische Renovierung vorgenommen.“ (Lübeck)
  Ingo Konrads

Donnerstag, 19. Mai 2016

Große Gewächse an kleinen Schleifen - Weinbau an der Saar



Da ist der Name Programm: die Weinlage "Saarburger Rausch"
Wenn die Mosel die schöne Tochter des Rheins ist, ist die Saar die schöne Tochter der Mosel. Ungeübte Talbesucher verwirrt die Saar gerne mit Versteckspielen. Mal taucht sie rechts des Weges auf, mal links, und mal gaukelt sie mit zahlreichen kleinen Flussschleifen vor, sie sei in Wirklichkeit eine Seenplatte.

Die Saar lässt es sich gefallen, dass an ihren Hängen und Ufern mit die besten Weißweine angebaut werden, die in deutschen Landen zu finden sind. Vor rund hundert Jahren gehörten sie sogar zu den teuersten der Welt. Doch ist der Weinbau im Wesentlichen auf den Unterlauf der Saar beschränkt, der politisch zum weinseligen Land Rheinland-Pfalz gehört. Das eigentliche Saarland genügt sich also in der Rolle einer Bier- und Schnapsregion, die sich nur gelegentlich etwa bei Saarfels und Merzig Weinberge gönnt und dort robuste, zurecht kaum bekannte „Saarländische Landweine“ produziert. Lediglich an der Mosel, an der das Saarland unverständlicher Weise eine Uferflanke bildet, werden in der Weinbaugemeinde Perl nennenswerte Weine erzeugt, wie etwa der Elbling, der aber wegen seines eigentümlichen Geschmacks von der WHO schon 1983 neben Pinselreiniger und Rauchbier in die Liste der für Menschen ungenießbaren Substanzen aufgenommen worden ist.

Wie sehr unterscheiden sich doch die edlen Saar-Rieslinge davon, die vielfach aus den Steilhängen am Fluss stammen. Erscheinen auf einem Weinetikett stolze, selbstbewusste Lagen wie die Ayler Kupp, der legendäre Scharzhofberg oder der Kanzemer Altenberg, schlagen die Herzen ambitionierter Zecher höher. Da wundert es nicht, dass hier sogar der Schiefer blau ist. Bereitwillig gibt er von seinen Mineralien ab, um dem Wein jene Würze zu verleihen, die die typische Eigenart der Saarweine definiert. Dabei kommt er recht alkoholarm daher, weshalb er bereits die Frühstückstafel zu beleben weiß.

Die Weinorte an der Saar sind angenehm dörflich geblieben und erwecken den Anschein, dass sie permanent für das Magazin „Landlust“ Modell stehen. Die mancherorts vorkommenden noblen Herrenhäuser vergangener Tage versprühen Grandezza. Malerisch liegt Saarburg mit seiner Burgruine am Fluss, mit seinen schönen Altstadtgassen und dem imposanten Wasserfall der Leuk, die sich mitten in der Stadt in selbstmörderischer Absicht 17 Meter tief über eine Felskante stürzt. Die bekannteste Lage heißt dann auch „Saarburger Rausch.“
 
Interessante Winzerpersönlichkeiten prägen die Region, wie etwa Roman Niewodniczanski. Er stammt aus einer berühmten Eifeler Braudynastie und dachte sich im Jahre 2000: „Bier trinkt das Volk. Ich trink van Volxem!“ So übernahm er das renommierte aber leicht lädierte Weingut van Volxem in Wiltingen. Der Rest ist Geschichte. Heute ist er hopfenlos dem Weinbau verfallen und produziert wunderbare Saarweine großer Lagen.

Einen regelrechten Aufmerksamkeitsschub bekam der Weinbau an der Saar durch Günther Jauch, der 2010 das Weingut von Othegraven in Kanzem übernahm. Es befand sich seit Generationen im Besitz von Jauchs Vorfahren, so dass man ihm nicht unterstellen kann, ein Wein-Prestigeprojekt wie andere Prominente zu verfolgen. Er und seine Frau Thea haben mittlerweile gelernt, zwischen den Rebzeilen zu lesen. Sie beherrschen jetzt die Othegravie und Grammatik der Saarweine zusammen mit ihrem Önologen Andreas Barth perfekt.

Legendär sind auch die Weine von Egon Müller vom Scharzhof aus Wiltingen, dessen 2003er Trockenbeerenauslese im Jahre 2015 mit einem ersteigerten Flaschenpreis von rund 15.000 EUR als weltweit teuerster Jungwein gilt. Die Weinfreunde freuen sich zwar darüber, doch hoffen sie, dass das nicht Schule macht und diese herrlich verschwenderischen Edelweine nicht vollständig vom bezahlbaren Markt verschwinden oder unter den Hammer kommen.

Denn das spritzt, klebt und macht Scherben.


Ingo Konrads

Donnerstag, 12. Mai 2016

Wie aus einem Weinspruch eine Geschenkidee wurde





Regelmäßig veröffentliche ich auf meiner Wein-Comedy Facebook-Seite lustige oder nachdenkliche Sprüche zum Wein. Diese erreichten bislang meist so um die tausend Personen. Anfang Mai 2016 konnte ich plötzlich ganz andere Reichweiten erzielen, als ich diesen Spruch postete: "Hör auf Dein Herz. Außer der Winzer sagt: Nimm den Riesling! Dann hör auf den Winzer!" Was dann geschah, hat mich wirklich überrascht: Fast eine halbe Million Menschen haben den Spruch gelesen, fast 3.000 mal ist er geteilt worden, 1.575 mal wurde er geliked und von 171 Menschen kommentiert.

Viele Facebook-Freunde sprachen mich daraufhin an, den Spruch doch als Geschenkidee umzusetzen. Gesagt getan, die Hamburger Grafikdesignerin Nadine Jäpel setzte ihn genial um, und nun mit dem Leipziger Unternehmen Spreadshirt fand ich einen Kooperationspartner.

Für alle Winzerinnen und Winzer, Weinfreaks, Gastronomen und Genussmenschensch kommt hier eine edle Kollektion des Weinspruchs auf T-Shirts, Tassen, Kissen, Schürzen, Taschen und, und, und. Veränderbar in der Farbe, auf hochwertigen Materialien, aus Deutschland und absolut bezahlbar. Die Fotos zeigen Beispielfarben, die auf der Website von "Spreadshirt" veränderbar sind, ebenso die Farbe des Designherz'. Es gelten die AGBs von Spreadshirt. Der Verkauf erfolgt nicht durch diese Website oder Ingo Konrads Wein-Comedy. Hier geht es zu den Geschenkideen.







Montag, 2. Mai 2016

Französische Weinbegriffe einfach erklärt

Viele Weinbegriffe stammen aus dem wunderbaren Sprachschatz unserer Nachbarn, der Franzosen. Da ist es gut, wenn man sich spielerisch mit ihnen vertraut macht. Zum Beispiel in Dialogform. Stellen wir uns eine Polizeikontrolle in einer sonnendurchfluteten Allee im Süden Frankreichs vor:


Appelation Controlée! - Polizeikontrolle!
Où est le garçon? - Was ist in dem Karton?
Chateauneuf du Pape. - Altpapier.
Beaujolais villages. - Ich bringe es ins nächste Dorf.
Primeur? - So früh schon?
Francois Mitterand. - Sonst fahre ich immer mittags.
Ah, oui. C’est un Beaujolais noveaux ? - Ahja. Ist der Porsche neu?
Non, non. Veuve cliquot. - Nein, er gehörte meiner verstorbenen Ehefrau.
Bonjour tristesse. - Das tut mir leid.
Château Margaux. - Sie hieß Margot.
Royaume-Uni douze points. - Sie hatte eine Fistel im Zwölffingerdarm.
Sarkozy. - Jetzt ist sie beerdigt.
La tarte flambée? - Eine Feuerbestattung?
Non, angleterre. - Nein, eine Erdbestattung.
Nous étions
sur la Tour Eiffel. - Wir waren damals in der Eifel unterwegs.
Et amuse geule. - Und hatten viel Spaß in Köln.
Dom Perignon. - Im Dom sind wir auch gewesen.
Et Mademoiselle. - Und an der Mosel.
Aix en Provence. - Mit der Ex war ich so gerne in der Provence.
Savoir vivre. - So genau will ich das gar nicht wissen.
Autoroute du soleil. - Sie bekam auch so leicht Sonnenbrand.
Sauvignon blanc. - Sie hatte so sensible helle Haut.
Cremant, cremant! - Ich sagte noch: Eincremen! Eincremen!
Creme brulee. - Sie antwortete: Die Sonnenmilch brennt so.
Château Lafitte. - Jetzt aber schnell in den Schatten.
Contenance! - Aufhören!
Quartier latin? - Haben Sie ein Viertel getrunken ?
Non, non, liberté! - Nein, nein. Ich trinke lieber Tee.
Sancerre? - Sonst nichts?
Aquarelle. - Schon mal ein Wasser.
Place Pigalle. - Ich habe es doch mit der Galle.
Bouillabaisse! - Dann gute Besserung!
Merci, Cherie. - Danke, Herr Wachtmeister.
Terroir. - Auf Wiedersehen!
TGV. - Tschöh mit ö.





Ingo Konrads

Montag, 25. April 2016

Green Wedding

Wussten Sie, dass man heutzutage gar nicht mehr in Weiß heiratet, sondern in Grün? Damit meine ich jetzt nicht die Farbe des Brautkleides, sondern das ökologisch korrekte Eheschließen.


Eine herkömmliche Hochzeit ist ja verheerend für den ökologischen Fußabdruck. Das ist ja schon mehr ein Fußtritt! Denken Sie nur mal an die Champagnerbläschen, die bei einer normalen Hochzeit so unkontrolliert in die Atmosphäre entweichen. Oder fahren Sie einfach mal mit einem Golf Diesel vor. Geht gar nicht. Ganz zu schweigen von den Großtanten, die im Laufe des Abends immer mehr Gift verspritzen. Alles überhaupt nicht ökologisch! Forscher haben herausgefunden, dass eine durchschnittliche Hochzeit die Umwelt mit ca. 14 t CO2 belastet. Das ist die anderthalbfache Menge dessen, was ein Normalbürger im Jahr verursacht! Aus Amerika kommt jetzt der Trend, grün zu heiraten. Das Ganze heißt Green Wedding. Wir begrüßen einen weiteren Anglizismus in unserer Muttersprache!

Ich hätte von der ganzen Geschichte gar nichts mitgekriegt, wenn mich nicht eines Tages meine Nichte Constanze aus Berlin angerufen hätte. Ich sollte Ihr bei der Weinauswahl für Ihre Hochzeit ein paar Tipps geben. Vegane Bioweine sollten es sein.

Constanze hat ja diesen veganen Blumenladen in Friedrichshain. Veganer Blumenladen? Sie wissen nicht, was das ist? Nun, da gibt es keine fleischfressenden Pflanzen im Sortiment. Constanze ist ja schon ewig mit Malte zusammen. Die beiden hatten sich seinerzeit im Waldorfkindergarten am Prenzlauer Berg kennengelernt und sich damals schon gut verstanden. Malte konnte bereits mit drei Jahren perfekt Müll trennen. Mit fünf ging er schon alleine zum Altglascontainer, aber nur, um dort Nutella-Gläser auszukratzen. Zuhause durfte er ja kein Nutella essen. Jedenfalls waren Constanze und Malte auf gleicher Wellenlänge, und sie haben schon früh ihre Müsli-Riegel geteilt. Fleischkonsum lehnten sie völlig ab. 

Im letzten Frühjahr haben die beiden dann geheiratet. Ökologisch korrekt natürlich. Green Wedding. Ich war auch eingeladen, und ich glaube, diese Hochzeit werde ich so schnell nicht vergessen. Schon nach der Kirche mussten wir unsere Autos stehen lassen und in die bereitgestellten Fahrradrikschas steigen. Damit wurden wir bis nach Grünau am Stadtrand gebracht. Das war vielleicht ein blödes Gefühl, die ganze Zeit mit Fahrradklingeln als Korso durch die Stadt zu fahren. Autohupe ging ja nicht.  

Unterwegs erzählte mir Maltes Mutter, dass die beiden Turteltäubchen in einem Trauringkursus bei einem befreundetet Goldschmied die Ringe selbst gemacht hätten. Aus fair gehandeltem Edelmetall ohne Quecksilbereinsatz. Das Brautkleid war aus Peace-Silk gefertigt, einer gewaltfrei gewonnenen Seide, bei der die Seidenraupen nicht wie in der konventionellen Produktion nach dem Schlüpfen getötet werden. Die Seidenraupen haben also noch die Chance, Falter zu werden. Dann leben sie zwar nur noch einen Tag, aber das ist dann der schönste Tag in ihrem Leben. 

In Grünau hatte das Hochzeitspaar die Räumlichkeiten eines Mütterzentrums gemietet. Mütterzentrum, abgekürzt: Mütze.Da war es im Prinzip recht gemütlich. Wir mussten noch einen Moment warten, bis der Mama-Baby-Yoga-Kurs vorbei war, aber dann konnte die Feier starten. Ein DJ legte auf einem handbetriebenen Grammophon Schellackplatten auf. Wunderbar!

Zu Essen gab es ein vegetarisches Menü vom Bio-Caterer. Mit den drei momentan angesagtesten „K's“: Kichererbsen, Koriander und Kokosmilch. Ich musste an meine Hochzeit denken, da gab es Kölsch, Kasseler und Kartoffelsalat.

Aber die Bioweine waren klasse (hatte ich ja auch ausgesucht). Allerdings wurde auf Bier verzichtet, weil die armen kleinen Hefezellen nach der Gärung ja absterben. Und gewaltfrei hergestelltes Bier (das hieße dann wohl „Peace-Brühe“) gibt es noch nicht.

Jetzt ist es so, dass die Onkels, die aus dem Sauerland angereist waren, Kichererbsen, Koriander und Kokosmilch nicht so wirklich in ihre Nahrungskette integriert haben. Man kann einen Sauerländer aus dem Sauerland nehmen, aber nie das Sauerland aus einem Sauerländer. Wein trinken sie nur in Ausnahmefällen, z.B. bei der Kelchkommunion im Gottesdienst. So zog sich ein kleiner verschworener Kreis um Onkel Helmut in den Garten des Mütterzentrums zum Rauchen und Beratschlagen zurück.
 
Onkel Theo versuchte zunächst eine evolutionstheoretische Begründung dafür zu finden, warum man als Mensch durchaus Fleisch essen und Bier trinken darf. Onkel Helmut kürzte die Diskussion aber schnell ab, und schaffte Tatsachen. Zusammen mit Neffe Jörg besorgte er an der nächsten Tankstelle eine gut gekühlte Kiste Krombacher, Grillkohle und eine 24er-Packung Bratwürste.

Inzwischen hatte der Rest der eingeschworenen Truppe das Gitter des Fußabtreters zu einem provisorischen Grillrost umfunktioniert. Erstaunlich, wie schnell Holzkohle brennt, wenn man zum Anzünden ein Bienenhotel verwendet.

Zum Glück bekam das Hochzeitspaar von der ganzen Sache nichts mit. Erstens mussten die beiden zwischendurch immer mal das Geschirr abspülen, und zweitens saßen sie ab etwa 19 Uhr einem Maler Modell für das Hochzeitsbild. Herkömmliche Fotografie ist ja viel zu umweltschädlich.

Inzwischen war es draußen kühler geworden. Onkel Theo wusste sich zu helfen und sägte ein Stück der Wippe vom Spielplatz nebenan ab, das er auf's Feuer warf. Das Klettergerüst hat er nur angesägt, das Holz war irgendwie zu hart. Die Säge hatte er im Gartenhaus der Mütze gefunden, wo der Hausmeister offenbar auch größere Vorräte an Doppelkorn gebunkert hatte, die jetzt die Runde machten.

Ach, es war ein herrliches Fest! Noch in der Nacht brach unser Hochzeitspaar in die Flitterwochen in die Toskana auf. Mit einem gemieteten Porsche Cayenne und einem Fünfliter Glas Nutella. Raten Sie mal, wer ihm das geschenkt hat.

Mittwoch, 10. Februar 2016

The day after the Kater



 

Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass man mit zunehmendem Alter Alkohol immer schlechter verträgt? Das geht mir jedenfalls so. Mensch, was haben wir früher gesoffen. Bis tief in die Nacht. Dann drei Stunden geschlafen, aufgestanden, einmal kräftig geschüttelt und schon sind wir wieder in die Schule gegangen. Und heute? Ein paar Gläser Wein, das war’s dann. Unruhiger Schlaf, frühes Aufwachen, präsenile Bettflucht. Woran liegt das? Am Kater vielleicht? 

 

Lassen wir uns gemeinsam diesem Phänomen nähern und uns fragen, wie der eigentlich entsteht. Schon Albert Einstein hat in seiner Relativitätstheorie überzeugend dargelegt, dass ein Abend immer gleich lang ist, aber unterschiedlich breit sein kann. Nun, was meint er damit?

Dafür müssen wir in ein Weinlokal unseres Vertrauens gehen. Die Freunde sind alle schon da, die Stimmung ist gut. Sie bestellen eine Flasche Wein. Da kann es schon mal drei Minuten dauern, bis diese auf die Gläser verteilt ist. Also heißt es bald, die nächste Flasche bestellen.

Das geht so weiter, bis der Magen nach Feststofflichem verlangt. Essen wird bestellt. Danach kommt der Wirt und berichtet mit strahlenden Augen von dem Obstbrand aus dem Schwarzwald, den er just heute hereinbekommen hat. Die Runde geht aufs Haus. Weil ein Obstbrand ja ein Naturprodukt ist und Naturprodukte ja gewissen Schwankungen unterliegen, ordern sie noch einen, um festzustellen, ob er genauso gut ist wie der erste. So sieht gelebtes Qualitätsmanagement aus. Tatsächlich, er ist so gut wie der erste. Die Stimmung steigt.  

Nach diesem Exkurs in die Welt der Brände wird es aber Zeit, wieder ein Weinchen zu trinken. Schließlich sind wir in einem Weinlokal und nicht in einer Brennerei. Das ist übrigens der letzte klare Gedanke, den sie an diesem Abend haben sollten. Als nächstes werfen sie auf dem Tisch die Blumenvase um. Mit der Hand versuchen sie, das Blumenwasser wieder über die Tischkante in die Vase zu „fegen“. Jetzt wird es Zeit, zu gehen.

Und augenblicklich werden wir Zeuge eines jahrhundertealten heiligen Rituals, nämlich dem Abschiednehmen in vier Schritten.  

Schritt 1: Die Akklamation. Sie geben bekannt, dass sie nun das Lokal verlassen.
Schritt 2. Die Replik. Die Mitzecher fordern sie mit Bestimmtheit auf, noch zu bleiben.
Schritt 3: Die Benevolentia. Sie beschwichtigen die anderen mit dem Satz: „Na, gut. Einen trink ich noch.“ Stets begleitet von der Feststellung: „So jung kommen wir nicht mehr zusammen.“


Die Schritte 1 bis 3 können jetzt beliebig oft wiederholt werden. Bis sie aber wirklich genug haben und aufbrechen. Es folgt:

Schritt 4. Die Demission. Sie verlassen das Lokal.


Bis zur Ausgangstür geht noch alles gut. Dann treten sie nach draußen und der Sauerstoffhammer erwischt sie frontal. Ihr Gang wird leicht kursiv. Plötzlich und ganz unvermittelt stellt sich ihnen eine Hecke in den Weg. Sie beginnen zu schimpfen.

Anschließend umarmen sie eine Laterne, tasten an einer Mauer entlang und kippen nach vorne in einen Bankautomaten. Mit ihm diskutieren sie die Eurokrise.
Irgendwann kommen sie zuhause an. Und an der Haustür passiert das, was Wilhelm Busch so unnachahmlich beschrieben hat: „Das Schlüsselloch man sehr vermisst, wenn man es sucht, wo es nicht ist.“

Nach drei Anläufen finden sie auch das Schlüsselloch und nach vier Anläufen ihr Bett. Binnen Sekunden überfällt sie der Schlaf -  oder besser das, was sie dafür halten.

Sie werden am nächsten Morgen mit einem langen Zungenkuss geweckt. Dann fällt ihnen ein, dass sie der Schweizer Sennenhund aus dem Weinlokal nachhause begleitet hat.
Ganz plötzlich, hören sie ein Hämmern aus der Nachbarwohnung. Aber sie haben gar keine Nachbarwohnung. Sie sind verwirrt. Sie ziehen sich ein Kissen über den Kopf. Das Hämmern wird nicht leiser. Es kommt aus ihrem Kopf. Ganz ruhig bleiben. Sie sammeln sich. Sauerstoff könnte helfen. Mühsam klettern sie über den Hund und entsteigen dem Bett. Das Fenster ist zum Glück nicht weit. Sie öffnen das Fenster. Der Sauerstoff fällt würfelweise herein. Das tut gut. 

Ihre Kehle ist so trocken, dass man darin Lawrence von Arabien drehen könnte. Durst!
Wie wäre es mit einem Reparaturbier? Das wäre jetzt wohl der worst case für die Leber. Also Leber-Case. Dann lieber Wasser. Sie schlurfen in die Küche.
Viel trinken, heißt es immer in der Apothekenumschau, viel trinken!
Sie greifen zur Sprudelflasche im Kühlschrank.
Ihr Blick fällt auf den Heringssalat.
Der Körper braucht Salz!
Beim Öffnen der Packung erinnern sie sich daran, dass sie den Salat für Heiligabend gekauft haben. Jetzt ist Juli.
Sie beschließen spontan, den Heringssalat nicht mehr zu essen.
Der Hund erinnert sich nicht an Heiligabend.

Sie gehen zum Billyregal und suchen das Buch „Anständig Trinken“ von Kingsley Amis.
Als sie es finden, schlagen sie die Seiten mit den Tipps gegen Kater auf und lesen:

# Mischen sie sich unter die Minenarbeiter einer Zeche ihrer Wahl. Na, klasse!


# Fliegen sie eine halbe Stunde lang mit einem offenen Propellerflugzeug. Aber achten sie bitte darauf, dass der Pilot keinen Kater hat.


Oh, nein! Das hilft nicht weiter. Denken sie einfach daran, was ich ihnen hier in diesem Weinjoker-Blog empfehle: Zwei Magnesium-Tabletten und Aspirin, dazu Wasser und einmal um den Block laufen. Das hilft weiter! Um 11 Uhr sind sie garantiert wieder nüchtern und ausgekatert. Spätestens aber am Tag danach. 


Ingo Konrads



Dienstag, 2. Februar 2016

"Wein-Comedy? Un was isch des jetz genau?"

Prominenter Gast an meinem Messestand: Jochen Malmsheimer (Foto: Uwe Rössler)

Zur „Internationale Kulturbörse Freiburg“ kommt jedes Jahr Ende Januar das bunte Völkchen der Kabarettisten, Musiker, Akrobaten, Kleinkünstler und sonstigen Kulturschaffenden zusammen. Auch ich bin mit meinem Messestand vertreten und biete dort meine Wein-Comedy-Programme an. Obwohl fast nur Fachpublikum in den Messehallen unterwegs ist, können sich nur wenige Besucher etwas unter Wein-Comedy vorstellen. Dabei ist es so einfach…

Gut, die Messestände in Halle 2 sind nicht thematisch sortiert. Das macht die Situation für den interessierten Besucher nicht eben leicht. Er kann innerhalb von wenigen Metern auf einen Magier treffen („Ziehen Sie bitte eine Karte aus dem Stapel“), auf eine französischen Straßenmusikerin
(„Isch abe ein Potpürri dabei.“), ein Puppentheater („Du, wir arbeiten da gerade an einer geilen Nummer über Mülltrennung“) oder auf einen Pantomimen („…“).

Mittendrin die Agenturen, Maschinenmenschen, Stelzenläufer, Freaks und 50er-Jahre-Figuren. Und ich. Mit meinen neongrünen Scheinwerfern, dem Holzstehtisch mit Barhocker und dem Rollup mit dem aktuellen Programm „Freunde schöner Göttertropfen.“ Gespannt warte ich auf Kunden. Die ersten kommen, betrachten von weitem mein Logo und formen mit ihren Lippen stumm das Wort „Wein-Comedy“, während sich gleichzeitig ein großes Fragezeichen auf der Stirn materialisiert. Habe ich den Augenkontakt einmal hergestellt und ein freundliches Lächeln in Richtung der oder des Uneingeweihten geschickt, kommt es zum ersehnten Erstkontakt, der immer eingeleitet wird mit der häufig badisch-sympathisch formulierten Frage: „Wein-Comedy? Un was isch des jetz genau?“ 

Ich pflege dann meine Erklärung immer so einzuleiten: „Sie kennen doch sicher Eckart von Hirschhausen. Der macht Medizin-Comedy. Vince Ebert macht Physik-Comedy und ich mache eben Wein-Comedy. Also Comedy ausschließlich mit Wein-Themen.“ Wer möchte, wird dann noch weitergehend informiert. Nach einigem Wiederholen habe ich dieses normierte Antwort- und Erklärungsverfahren perfekt drauf und bin gerüstet für täglich neun Stunden Kundenberatung auf der Messe.

Am ersten Abend habe ich mir ein Bierchen verdient. Wie es der Zufall will, verteilen ein paar prominente Kollegen gegen eine Spende für einen guten Zweck Flaschenbier am Stand des Ruhrgebiets-Bier-Dealers „Getränke Drautz“ (Firmenmotto: „Kompetenz in Sachen Kompetenz.“). Hier ergreife ich dann die Gelegenheit, mit Julia Gámez Martin von „Suchtpotenzial“, Jochen Malmsheimer und Georg Schramm ein Bier zu zischen. Nein, Wein gibt es leider nicht. Der gehört nicht zu den indigenen Getränken der Menschen im Revier.  

Am nächsten Morgen stehe ich wieder frisch an meinem Messestand. Plötzlich steuert Eckart von Hirschhausen auf mich zu und will wissen, was Wein-Comedy eigentlich genau ist. Ich beginne so: „Sie kennen doch sicher Eckart von Hirschhausen…“

Ingo Konrads